Die Behandlung von Adipositas hat in den letzten Jahren einen tiefgreifenden Wandel erlebt. Mit GLP-1-Rezeptoragonisten wie Semaglutid gelang ein echter Durchbruch — doch die Forschung blieb nicht stehen. CagriSema, die fixe Kombination aus Cagrilintid und Semaglutid, könnte das nächste Kapitel einläuten. Für Patientinnen und Patienten in der Schweiz, die mit konventionellen Therapien keine ausreichende Gewichtsreduktion erreichen, rückt dieser Wirkstoff zunehmend in den Fokus.
Cagrilintid-Semaglutid-Kombination: zwei Mechanismen, ein Ziel
Hinter CagriSema steckt ein dualer pharmakologischer Ansatz, der zwei bewährte Wirkprinzipien vereint. Semaglutid als GLP-1-Rezeptoragonist ist bereits aus der klinischen Praxis bekannt: Es verlangsamt die Magenentleerung, reduziert den Appetit über zentrale Signalwege und verbessert die Insulinsekretion glukoseabhängig. Cagrilintid hingegen ist ein langwirksamer Amylin-Agonist — ein Wirkprinzip, das in der Adipositastherapie bislang kaum eine Rolle spielte.
Amylin ist ein Peptidhormon, das in den Beta-Zellen der Bauchspeicheldrüse zusammen mit Insulin ausgeschüttet wird. Es verlangsamt die Magenentleerung, hemmt postprandial die Glukagonsekretion und erzeugt über hypothalamische Rezeptoren ein Sättigungsgefühl. Bei Menschen mit Adipositas und Typ-2-Diabetes ist die Amylin-Sekretion oft deutlich vermindert — genau hier setzt Cagrilintid als Amylin-Agonist in der Schweiz und weltweit an.
Die Kombination beider Wirkstoffe in einer einzigen wöchentlichen Injektion ist nicht zufällig gewählt. Präklinische Daten zeigten, dass die synergistische Wirkung auf Nahrungsaufnahme und Energieverbrauch deutlich stärker ausfällt als die Summe der Einzeleffekte. Semaglutid wirkt primär über GLP-1-Rezeptoren im Hirnstamm und Hypothalamus, Cagrilintid über Amylin-Rezeptoren in überwiegend anderen Regionen — die neuronalen Signalwege ergänzen sich, ohne sich zu überlagern.
Warum ein Amylin-Agonist den Unterschied machen kann
Frühere Versuche mit dem Amylin-Analogon Pramlintid zeigten bereits, dass diese Wirkklasse das Körpergewicht senken kann — allerdings war die Halbwertszeit zu kurz für eine einmal wöchentliche Gabe. Cagrilintid wurde gezielt für eine verlängerte Halbwertszeit entwickelt und erlaubt damit die subkutane Injektion im Wochenrhythmus, identisch mit Semaglutid. Diese pharmakokinetische Abstimmung ist eine der Leistungen, die Novo Nordisk bei der Entwicklung von CagriSema besonders hervorhebt.
REDEFINE-Studienprogramm: was die Daten zeigen
Die REDEFINE-Studienreihe ist das zentrale klinische Entwicklungsprogramm für CagriSema. Die Ergebnisse der REDEFINE-1-Studie, publiziert 2024, liefern die bisher aussagekräftigsten Daten zur Wirksamkeit und Sicherheit der Kombination bei Erwachsenen mit Übergewicht oder Adipositas ohne Diabetes.
In REDEFINE 1 erhielten 3417 Teilnehmende entweder CagriSema 2,4 mg/2,4 mg, Semaglutid 2,4 mg allein, Cagrilintid 2,4 mg allein oder Placebo — über 68 Wochen. Das Ergebnis für CagriSema war bemerkenswert: Die mittlere Gewichtsreduktion betrug 22,7 % des Ausgangsgewichts. Semaglutid 2,4 mg allein erzielte im direkten Vergleich innerhalb derselben Studie eine Reduktion von 16,1 %. Der Unterschied von rund 6,5 Prozentpunkten ist klinisch bedeutsam — er entspricht bei einer Person mit 100 kg Ausgangsgewicht einem zusätzlichen Gewichtsverlust von etwa 6,5 kg.
Ein wichtiger Vorbehalt bei den REDEFINE-Ergebnissen: Die 22,7 % Gewichtsreduktion entsprechen nicht dem, was ursprünglich in frühen Phase-2-Studien beobachtet worden war. Dort lagen die Werte zeitweise bei über 24 %. Die leichte Diskrepanz führt Novo Nordisk auf die Dosistitration und Studienpopulation zurück — sie ändert jedoch nichts an der klinischen Relevanz der Ergebnisse.
REDEFINE 2: Adipositas und Typ-2-Diabetes
REDEFINE 2 untersuchte CagriSema spezifisch bei Personen mit Adipositas und bestehendem Typ-2-Diabetes. Hier war der Gewichtsverlust mit etwa 15,7 % erwartungsgemäß geringer — Menschen mit Typ-2-Diabetes sprechen auf gewichtsreduzierende Therapien generell etwas schwächer an als Personen ohne Diabeteserkrankung. Dennoch übertraf CagriSema auch in dieser Population Semaglutid allein deutlich, und die HbA1c-Senkung von durchschnittlich 1,8 Prozentpunkten ist für die Diabetestherapie klinisch substanziell.
CagriSema im Vergleich zu Wegovy und Tirzepatid
Ein direkter Vergleich verschiedener Präparate ist methodisch schwierig, da Head-to-Head-Studien zwischen CagriSema, Wegovy und Tirzepatid bislang nicht vorliegen. Dennoch lohnt eine Einordnung anhand der verfügbaren Daten aus jeweiligen Zulassungsstudien.
| Medikament | Mechanismus | Gewichtsreduktion (ca.) | Zulassung Adipositas |
| Wegovy (Semaglutid 2,4 mg) | GLP-1-RA | ~15–17 % | USA, EU, Schweiz |
| Tirzepatid (Mounjaro/Zepbound) | GLP-1 + GIP | ~20–22 % | USA, EU (Zepbound) |
| CagriSema 2,4/2,4 mg | GLP-1 + Amylin | ~22–23 % | In Entwicklung |
Die Zahlen legen nahe, dass CagriSema im Bereich von Tirzepatid liegt — mit dem Unterschied, dass Tirzepatid auf GLP-1- und GIP-Rezeptoren wirkt, während CagriSema den Amylin-Signalweg aktiviert. Ob dieser mechanistische Unterschied klinisch relevant ist — etwa bei bestimmten Subgruppen oder Komorbiditäten — werden weitere Studien zeigen müssen.
Für die Praxis bedeutet das: CagriSema positioniert sich potenziell als Option für Patientinnen und Patienten, die auf Wegovy nicht ausreichend ansprechen, oder als Erstlinientherapie bei sehr ausgeprägter Adipositas, wo ein Gewichtsverlust von 20 % und mehr angestrebt wird. Allerdings ist dieser Vergleich mit Vorsicht zu genießen — unterschiedliche Studiendesigns, Ausgangspopulationen und Dosisprotokolle erschweren direkte Schlussfolgerungen.
Novo Nordisk CagriSema: Zulassungsstrategie und Zeitplan
Novo Nordisk hat CagriSema als eines der zentralen Pipeline-Produkte identifiziert. Das Unternehmen hat nach Abschluss der REDEFINE-Studien einen Zulassungsantrag bei der FDA für 2025 angekündigt. Die Europäische Arzneimittelagentur (EMA) dürfte einen entsprechenden Antrag zeitnah erhalten — mit einem möglichen Zulassungsentscheid in Europa gegen Ende 2025 oder im Verlauf von 2026.
Für die Schweiz, wo Swissmedic als eigenständige Zulassungsbehörde agiert, verläuft das Verfahren separat. Swissmedic orientiert sich häufig, aber nicht automatisch an EMA-Entscheiden. Aus der bisherigen Zulassungsgeschichte von Semaglutid lässt sich ableiten, dass zwischen EMA-Zulassung und Swissmedic-Genehmigung typischerweise sechs bis zwölf Monate liegen — manchmal kürzer, wenn Swissmedic ein paralleles Rolling-Review-Verfahren durchführt.
Für Patientinnen und Patienten in der Schweiz, die sich bereits heute für CagriSema interessieren, bedeutet das: Eine Verfügbarkeit vor 2026 ist realistisch kaum zu erwarten. Wer aktuell eine intensivierte Adipositastherapie benötigt, sollte gemeinsam mit dem behandelnden Arzt oder der Ärztin die bestehenden zugelassenen Optionen — Wegovy seit 2023 in der Schweiz verfügbar, Tirzepatid je nach Verfügbarkeit — sorgfältig abwägen.
CagriSema Schweiz: Perspektiven und offene Fragen
Die Nachfrage nach wirksamen Adipositastherapien in der Schweiz ist erheblich. Schätzungen aus dem Bundesamt für Gesundheit (Stand 2023) zufolge sind rund 11 % der erwachsenen Bevölkerung adipös (BMI ≥ 30), weitere 30 % übergewichtig. Die Krankheitslast — kardiovaskuläre Erkrankungen, Typ-2-Diabetes, Schlafapnoe, orthopädische Folgeschäden — ist entsprechend hoch.
CagriSema als Amylin-Agonist in der Schweiz könnte einen realen Versorgungsbeitrag leisten, wenn die Zulassung erfolgt. Doch mehrere Fragen bleiben offen:
Aus ärztlicher Perspektive bleibt die Entscheidung für oder gegen eine medikamentöse Adipositastherapie immer individuell — eingebettet in ein Gesamtkonzept aus Ernährungstherapie, Bewegungsmedizin und gegebenenfalls psychologischer Begleitung. CagriSema wird dieses Konzept nicht ersetzen, könnte es aber für einen relevanten Teil der Betroffenen deutlich effektiver machen.
Die Entwicklung, die Novo Nordisk mit CagriSema vorantreibt, zeigt, wohin die Adipositasmedizin steuert: weg von Einzelwirkstofftherapien, hin zu präzise abgestimmten Kombinationen, die mehrere metabolische Signalwege gleichzeitig adressieren. Ob CagriSema diese Versprechen auch in der Langzeitpraxis einlöst, werden die kommenden Jahre zeigen — die REDEFINE-Studienergebnisse liefern dafür eine vielversprechende, wenn auch noch nicht abschließende Grundlage.
