GLP-1-Kapseln und orale Therapien: Alternativen zur Spritze

Die Vorstellung, den Effekt einer Abnehmspritze in Tablettenform zu bekommen, treibt die Forschung seit Jahren an. Mit Rybelsus (orales Semaglutid) existiert bereits ein zugelassenes GLP-1-Medikament zum Schlucken — allerdings mit Einschränkungen bei Bioverfügbarkeit und Dosierung. Die nächste Generation oraler GLP-1-Therapien verspricht höhere Wirksamkeit ohne die strengen Einnahmebedingungen. Orforglipron, Danuglipron und hochdosiertes orales Semaglutid könnten die Adipositas-Behandlung verändern — weg von der wöchentlichen Injektion, hin zur täglichen GLP-1-Tablette.

Rybelsus — die erste GLP-1-Tablette und ihre Grenzen

Rybelsus (Semaglutid 7 mg und 14 mg) ist seit 2020 in der Schweiz für Diabetes Typ 2 zugelassen und damit das erste orale GLP-1-Medikament auf dem Markt. Die Tablette enthält denselben Wirkstoff wie Ozempic und Wegovy, muss aber mit einem Absorptionsverstärker (SNAC — Natriumsalcaprozat) kombiniert werden, der den Wirkstoff vor der Magensäure schützt und die Aufnahme durch die Magenschleimhaut ermöglicht.

Die Bioverfügbarkeit von Rybelsus liegt bei nur 0,4 bis 1 Prozent — das bedeutet, dass von 14 mg in der Tablette weniger als 0,14 mg tatsächlich ins Blut gelangen. Zum Vergleich: Bei der subkutanen Injektion von Ozempic liegt die Bioverfügbarkeit bei 89 Prozent. Um diesen enormen Verlust auszugleichen, muss die Tablette nüchtern eingenommen werden — mindestens 30 Minuten vor dem ersten Essen oder Trinken, mit maximal 120 ml Wasser. Kaffee, andere Getränke oder Nahrung in diesem Zeitfenster reduzieren die Aufnahme um weitere 40 bis 50 Prozent.

Diese Einnahmebedingungen sind im Alltag eine Hürde. Studien zur Therapietreue zeigen, dass bis zu 30 Prozent der Behandelten die Nüchternbedingung nicht konsequent einhalten, was die Wirksamkeit schmälert. Der durchschnittliche Gewichtsverlust unter Rybelsus 14 mg liegt bei 4 bis 6 Prozent — deutlich weniger als die 15 Prozent unter injizierbarem Wegovy. Diese Lücke erklärt, warum Rybelsus in der aktuellen Dosierung keine Zulassung für die Adipositas-Behandlung hat und primär als Diabetesmedikament verschrieben wird, obwohl Ärzte es off-label auch bei Adipositas einsetzen.

Hochdosiertes orales Semaglutid — schliesst es die Wirksamkeitslücke?

Novo Nordisk entwickelt eine hochdosierte orale Formulierung von Semaglutid (25 mg und 50 mg), die unter dem Arbeitsnamen „oral Semaglutid für Adipositas" in klinischen Studien getestet wird. Die OASIS-1-Studie lieferte vielversprechende Ergebnisse: Unter 50 mg oralem Semaglutid verloren Teilnehmende durchschnittlich 15,1 Prozent ihres Körpergewichts über 68 Wochen — praktisch gleichwertig mit dem injizierbaren Wegovy (14,9 Prozent in STEP-1).

Dieser Durchbruch zeigt, dass die Wirksamkeitslücke zwischen oraler und injizierter Form überbrückt werden kann, wenn die Dosis hoch genug ist. Die höhere Dosis bringt allerdings mehr Wirkstoff in die Tablette (50 mg statt 14 mg), was die Produktionskosten erhöht und die Frage aufwirft, ob das orale Produkt preislich mit der Injektion konkurrieren kann. Die OASIS-2-Studie bestätigte den Effekt bei Teilnehmenden mit Diabetes Typ 2 und Adipositas — der Gewichtsverlust lag bei 13,1 Prozent, gleichzeitig sank der HbA1c um 1,8 Prozentpunkte.

Die Nebenwirkungen unter oralem Semaglutid 50 mg ähneln denen der Injektion: Übelkeit bei 36 Prozent der Behandelten, Durchfall bei 16 Prozent, Verstopfung bei 14 Prozent. Die gastrointestinalen Beschwerden sind damit etwas seltener als unter Wegovy 2,4 mg, was möglicherweise an der langsameren Absorptionskinetik der oralen Form liegt. Die Abbruchrate wegen Nebenwirkungen lag bei 7 Prozent — vergleichbar mit der Injektionstherapie.

Eine Swissmedic-Zulassung für die Adipositas-Indikation wird frühestens 2026 oder 2027 erwartet. Wenn sie kommt, wäre hochdosiertes orales Semaglutid die erste GLP-1-Tablette mit einer Wirksamkeit auf dem Niveau der Abnehmspritze.

Orforglipron — die Tablette ohne Einnahmebeschränkungen

Orforglipron (Eli Lilly) gehört zu einer neuen Klasse: den oralen Small-Molecule-GLP-1-Agonisten. Im Gegensatz zu Semaglutid ist Orforglipron kein Peptid, sondern ein kleines Molekül, das die Magensäure ohne Schutzmechanismus übersteht und im Dünndarm problemlos absorbiert wird. Die Bioverfügbarkeit liegt bei etwa 30 Prozent — ein Vielfaches von oralem Semaglutid.

Die praktischen Vorteile sind erheblich:

  • Keine Nüchternbedingung: Orforglipron kann zu oder unabhängig von Mahlzeiten eingenommen werden, ohne dass die Wirksamkeit leidet — das eliminiert die grösste Alltagshürde der bisherigen GLP-1-Tabletten
  • Raumtemperaturlagerung: Als Small Molecule ist Orforglipron hitzestabil und benötigt keine Kühlung — ein Vorteil gegenüber allen peptidbasierten GLP-1-Medikamenten, die kühl gelagert werden müssen
  • Einfache Produktion: Die chemische Synthese eines Small Molecule ist günstiger und skalierbarer als die biotechnologische Herstellung von Peptiden — das könnte die Kosten senken und Lieferengpässe reduzieren
  • Die Phase-2-Studien mit Orforglipron zeigten einen Gewichtsverlust von bis zu 14,7 Prozent über 36 Wochen bei der höchsten Dosis (36 mg). Hochgerechnet auf die üblichen 68 Wochen der Zulassungsstudien könnte der Effekt 17 bis 19 Prozent erreichen — nahe an injizierbares Tirzepatid. Die ATTAIN-Studien (Phase 3) laufen seit 2023, erste Ergebnisse werden 2025 oder 2026 erwartet. Eine Zulassung ist frühestens 2027 realistisch.

    Danuglipron und weitere orale GLP-1-Kandidaten

    Orforglipron ist nicht der einzige Small-Molecule-GLP-1-Agonist in der Entwicklung. Pfizer arbeitet an Danuglipron, einem ähnlichen Molekül, das allerdings einen schwierigeren Entwicklungsweg hatte. Die erste Formulierung (zweimal tägliche Einnahme) wurde wegen hoher Abbruchraten durch Übelkeit zurückgezogen. Eine modifizierte Retardformulierung für einmal tägliche Einnahme wird derzeit in Phase-2-Studien getestet. Die bisherigen Ergebnisse zeigen einen Gewichtsverlust von 6 bis 9 Prozent über 32 Wochen — weniger als Orforglipron, aber möglicherweise verbesserbar durch Dosisoptimierung.

    Weitere Unternehmen entwickeln orale GLP-1-Therapien in früheren Stadien. Structure Therapeutics testet mit GSBR-1290 einen oralen GIP/GLP-1-Dualagonisten, der das Konzept von Tirzepatid in Tablettenform übertragen soll. Viking Therapeutics entwickelt mit VK2735 einen dualen Agonisten, der sowohl als Injektion als auch als Tablette getestet wird — die oralen Phase-1-Daten zeigten vielversprechende Pharmakokinetik.

    Der Wettbewerb unter den Herstellern ist intensiv, und die Vielfalt der Ansätze erhöht die Wahrscheinlichkeit, dass innerhalb der nächsten fünf Jahre mindestens eine weitere orale GLP-1-Option zugelassen wird. Für Betroffene bedeutet das mehr Auswahl — nicht nur zwischen Spritze und Tablette, sondern auch zwischen verschiedenen oralen Präparaten mit unterschiedlichen Einnahmeschemata und Nebenwirkungsprofilen.

    GLP-1-Tablette oder Spritze — welche Form hat Zukunft?

    Die Frage, ob GLP-1-Kapseln die Abnehmspritze ersetzen werden, lässt sich nicht mit Ja oder Nein beantworten. Beide Verabreichungsformen haben spezifische Stärken, und die Zukunft liegt wahrscheinlich in einem Nebeneinander beider Optionen.

    Für die orale Therapie sprechen die niedrigere Einstiegshürde (keine Nadelphobie, kein Injektionstraining), die potenziell günstigere Produktion bei Small Molecules und die einfachere Logistik ohne Kühlkette. Gegen die Tablette sprechen aktuell noch die Einnahmebeschränkungen bei peptidbasierten Formulierungen wie Rybelsus, die variablere Bioverfügbarkeit und die fehlenden Langzeitdaten für die neuen Small Molecules.

    Für die Injektion sprechen die höhere und konstantere Bioverfügbarkeit, die wöchentliche statt tägliche Anwendung (was die Therapietreue paradoxerweise verbessern kann) und die jahrelange klinische Erfahrung mit bewährtem Sicherheitsprofil. Die aktuelle Entwicklung deutet darauf hin, dass die Wirksamkeitslücke zwischen oraler und injizierter Form bis 2028 geschlossen sein wird — durch hochdosiertes orales Semaglutid und durch Small-Molecule-Agonisten wie Orforglipron. Die Wahl wird dann weniger von der Wirksamkeit abhängen als von individuellen Faktoren: Präferenz für Tablette oder Spritze, Verträglichkeit, Kosten und Verfügbarkeit in der Schweiz. Für den Schweizer Markt bleibt abzuwarten, wie schnell Swissmedic die neuen oralen Optionen zulässt und ob die Grundversicherung GLP-1-Kapseln für die Adipositas-Indikation erstatten wird.