Novo Nordisk und Eli Lilly: Die Unternehmen hinter den Abnehmspritzen

Der Markt für Abnehmmedikamente wird von zwei Unternehmen dominiert: Novo Nordisk mit Wegovy und Ozempic, Eli Lilly mit Mounjaro und Zepbound. Beide Firmen haben Börsenwerte jenseits der 400-Milliarden-Dollar-Marke erreicht und investieren Milliarden in neue Produktionsanlagen. Die Geschichte der beiden Abnehmspritze-Hersteller reicht Jahrzehnte zurück — von der Insulinproduktion über die Diabetesforschung bis zur Adipositas-Therapie. Wie sind Novo Nordisk und Eli Lilly zu den mächtigsten Pharmaunternehmen Europas und der USA geworden?

Novo Nordisk — vom Insulinpionier zum Adipositas-Giganten

Novo Nordisk wurde 1923 in Dänemark gegründet, nur zwei Jahre nach der Entdeckung des Insulins. Das Unternehmen hat über ein Jahrhundert lang Diabetesmedikamente entwickelt und vertrieben — von tierischem Insulin über Humaninsulin bis zu modernen Insulinanaloga. Diese Expertise im Stoffwechselbereich legte den Grundstein für die GLP-1-Forschung, die Novo Nordisk ab den 1990er-Jahren systematisch vorantrieb.

Der erste kommerziell erfolgreiche GLP-1-Agonist war Victoza (Liraglutid), zugelassen 2010 für Diabetes Typ 2. Als Novo Nordisk erkannte, dass Liraglutid in höherer Dosierung auch bei Nicht-Diabetikern den Appetit hemmt, entwickelte das Unternehmen Saxenda (Liraglutid 3,0 mg) — die erste GLP-1-basierte Abnehmspritze, zugelassen 2014 in den USA und Europa. Der Durchbruch kam allerdings erst mit Semaglutid: Ozempic (2017 für Diabetes) und Wegovy (2021 für Adipositas) übertrafen die Wirksamkeit von Liraglutid deutlich und lösten einen globalen Nachfrageboom aus.

Die SELECT-Studie (2023) markierte einen weiteren Meilenstein: Semaglutid senkte bei Patienten mit Adipositas ohne Diabetes das Risiko schwerer kardiovaskulärer Ereignisse um 20 Prozent. Damit war erstmals belegt, dass ein Adipositas-Medikament nicht nur Gewicht reduziert, sondern auch Herzinfarkte und Schlaganfälle verhindert. Diese Daten verschoben die Wahrnehmung von Abnehmspritzen — von der „Lifestyle-Medizin" zur evidenzbasierten Prävention.

Novo Nordisk ist heute das wertvollste Unternehmen Europas — zeitweise wertvoller als die gesamte dänische Volkswirtschaft. Der Umsatz mit GLP-1-Produkten lag 2024 bei über 30 Milliarden Dollar, wobei Wegovy der am schnellsten wachsende Umsatztreiber war. Das Unternehmen beschäftigt über 60 000 Menschen und hat seinen Hauptsitz weiterhin in Bagsværd bei Kopenhagen, wo auch die Forschungszentrale sitzt.

Eli Lilly — der amerikanische Herausforderer mit dualem Ansatz

Eli Lilly wurde 1876 in Indianapolis gegründet und gehört zu den ältesten Pharmaunternehmen der USA. Bekannt wurde Lilly in den 1920er-Jahren als erster industrieller Insulinhersteller in Nordamerika — eine historische Parallele zu Novo Nordisk in Europa. Über die Jahrzehnte diversifizierte sich das Unternehmen in Onkologie, Neurologie und Immunologie, behielt aber immer eine starke Diabetessparte.

Der Weg zu Tirzepatid begann mit der Forschung an GIP — dem glukoseabhängigen insulinotropen Peptid, das neben GLP-1 als zweites Inkretinhormon im Darm produziert wird. Während die Konkurrenz ausschliesslich auf GLP-1 setzte, verfolgte Eli Lilly einen dualen Ansatz: Die Kombination von GLP-1 und GIP in einem Molekül. Das Ergebnis war Tirzepatid, zugelassen 2022 als Mounjaro für Diabetes Typ 2 und 2023 als Zepbound für Adipositas in den USA.

Die SURMOUNT-Studienserie zeigte, dass Tirzepatid den Gewichtsverlust von reinen GLP-1-Agonisten übertrifft: 22,5 Prozent unter der höchsten Dosis, verglichen mit 15 Prozent unter Semaglutid. Dieser Vorsprung hat Eli Lilly im Wettbewerb positioniert und den Aktienkurs des Unternehmens seit 2023 verdoppelt. Der Börsenwert lag Anfang 2025 bei rund 700 Milliarden Dollar — ein Anstieg, der Eli Lilly zum wertvollsten Pharmaunternehmen der Welt machte. Im Gegensatz zu Novo Nordisk, das über 80 Prozent des Umsatzes mit Diabetes- und Adipositas-Produkten erzielt, ist Eli Lilly breiter aufgestellt: Das Alzheimer-Medikament Donanemab und das Krebsmedikament Verzenio tragen zusätzliche Umsatzsäulen bei.

Welche Medikamente haben Novo Nordisk und Eli Lilly in der Pipeline?

Beide Unternehmen investieren massiv in die nächste Generation von Adipositas-Medikamenten. Die Pipelines zeigen, wohin die Entwicklung geht — weg von reinen GLP-1-Agonisten, hin zu Kombinationstherapien mit mehreren Wirkzielen:

  • Novo Nordisk CagriSema: Kombination aus Semaglutid und Cagrilintid (einem Amylin-Analogon), die in Phase-3-Studien einen Gewichtsverlust von über 25 Prozent zeigt — der potenzielle Nachfolger von Wegovy mit der Chance, Tirzepatid bei der Wirksamkeit zu übertreffen
  • Eli Lilly Retatrutid: Ein Triple-Agonist (GLP-1/GIP/Glukagon), der in Phase-2-Studien den bisher höchsten medikamentösen Gewichtsverlust von 24,2 Prozent über 48 Wochen erzielte — hochgerechnet auf 72 Wochen könnten über 30 Prozent realistisch sein
  • Eli Lilly Orforglipron: Der erste orale Small-Molecule-GLP-1-Agonist, der die Abhängigkeit von Injektionen beenden könnte — mit Phase-2-Daten von 14,7 Prozent Gewichtsverlust und einer Zulassung frühestens 2027
  • Die Pipeline beider Unternehmen umfasst weitere Kandidaten in früheren Phasen. Novo Nordisk erforscht Kombinationen mit Glukagon- und Amylin-Rezeptoren, Eli Lilly testet neben Retatrutid auch Bimagrumab (gegen Muskelverlust unter Gewichtsreduktion). Der Innovationsdruck ist hoch — wer zuerst die 30-Prozent-Marke beim Gewichtsverlust knackt, sichert sich einen gewaltigen Marktanteil.

    Produktionskapazitäten und Lieferengpässe — das grösste Problem beider Hersteller

    Die Nachfrage nach Abnehmspritzen hat beide Unternehmen an ihre Produktionsgrenzen gebracht. Novo Nordisk konnte Wegovy nach der Zulassung in mehreren Märkten nicht liefern, und selbst 2025 bestehen in einzelnen Regionen Engpässe. Die Produktion von GLP-1-Peptiden erfordert biotechnologische Fermentation in sterilen Anlagen — ein Prozess, der sich nicht kurzfristig skalieren lässt.

    Novo Nordisk investiert über 6 Milliarden Dollar in den Ausbau der Produktionskapazitäten, darunter neue Fermentationsanlagen in Dänemark und eine Übernahme des Auftragsherstellers Catalent. Eli Lilly hat über 9 Milliarden Dollar für neue Produktionsstätten in den USA und Irland zugesagt. Beide Unternehmen rechnen damit, die Nachfrage frühestens 2026 oder 2027 vollständig bedienen zu können.

    Für Betroffene in der Schweiz bedeutet das: Die Verfügbarkeit von Wegovy und Mounjaro kann je nach Zeitpunkt und Apotheke schwanken. Ein Wechsel des Präparats aufgrund von Lieferengpässen erfordert ärztliche Begleitung — die Dosierung muss bei einem neuen Wirkstoff oft erneut auftitriert werden. Die Abhängigkeit von zwei Herstellern für die gesamte GLP-1-Versorgung bleibt ein strukturelles Risiko, das erst mit dem Markteintritt weiterer Konkurrenten (Pfizer, AstraZeneca, Amgen) und dem Ablauf erster Patente abnehmen wird. Die Patente für Semaglutid laufen voraussichtlich in den 2030er-Jahren aus — danach könnten Biosimilars den Markt betreten und die Preise deutlich senken, ähnlich wie es bei Insulin nach dem Patentablauf geschehen ist.

    Novo Nordisk oder Eli Lilly — wer prägt die Adipositas-Medizin der Zukunft?

    Der Wettlauf zwischen beiden Unternehmen treibt die Innovation in einem Tempo voran, das in der Pharmabranche selten ist. Innerhalb von zehn Jahren hat sich der medikamentöse Gewichtsverlust von 5 Prozent (Orlistat) auf über 22 Prozent (Tirzepatid) vervierfacht — und die nächste Generation verspricht über 30 Prozent. Dieser Fortschritt ist direkt auf den Wettbewerb zwischen Novo Nordisk und Eli Lilly zurückzuführen.

    Aktuell hält Novo Nordisk den grösseren Marktanteil bei zugelassenen Adipositas-Medikamenten: Wegovy ist das Standardpräparat in den meisten Ländern, einschliesslich der Schweiz. Eli Lilly holt mit Mounjaro und Zepbound auf und hat mit Tirzepatid das wirksamere Einzelmolekül. Die Pipeline deutet darauf hin, dass Novo Nordisk mit CagriSema und Eli Lilly mit Retatrutid erneut eng beieinander liegen werden.

    Für Betroffene ist dieser Wettbewerb eine gute Nachricht: Mehr Wirkstoffe, mehr Darreichungsformen und langfristig sinkende Preise durch Konkurrenz. Die Zeiten, in denen Adipositas als Lifestyle-Problem ohne medikamentöse Option galt, sind vorbei — und das verdankt die Medizin massgeblich der jahrzehntelangen Forschung und dem Wettbewerb dieser beiden Unternehmen, die aus der Diabetesbehandlung heraus eine neue Ära der Adipositas-Medizin geschaffen haben.