Lieferengpässe bei Ozempic haben in der Schweiz seit 2022 wiederholt dazu geführt, dass Betroffene ihr Medikament nicht wie gewohnt in der Apotheke erhalten konnten. Einzelne Dosierungen waren wochen- oder monatelang nicht verfügbar, Apotheken haben Betroffene auf Wartelisten gesetzt, und die Verunsicherung war gross — besonders bei Betroffenen mit Diabetes Typ 2, die auf die Blutzuckerkontrolle durch Semaglutid angewiesen sind. Die Ursachen der Engpässe sind komplex und reichen von der sprunghaft gestiegenen weltweiten Nachfrage über Produktionsengpässe bis hin zu regulatorischen Besonderheiten des Schweizer Markts. Für Betroffene stellt sich in solchen Phasen die Frage: Welche Alternativen stehen zur Verfügung, und wie lässt sich die Therapie ohne Unterbrechung fortführen?
Warum kommt es zu Lieferengpässen bei Ozempic?
Die Lieferschwierigkeiten bei Ozempic und anderen GLP-1-Medikamenten haben mehrere Ursachen, die sich gegenseitig verstärken. Die Nachfrage nach Semaglutid ist seit 2022 weltweit explodiert — nicht nur für die Diabetes-Indikation, sondern vor allem durch den Off-Label-Einsatz zur Gewichtsreduktion und die steigende Verschreibung von Wegovy. Die Produktionskapazitäten von Novo Nordisk, dem einzigen Hersteller von Semaglutid, konnten mit dieser Nachfrage nicht Schritt halten.
Die Herstellung von Semaglutid ist ein biotechnologisch aufwändiger Prozess: Das Peptid wird in Hefezellen (Saccharomyces cerevisiae) produziert, aufgereinigt, modifiziert und in sterile Fertigpens abgefüllt. Der Produktionszyklus von der Fermentation bis zum fertigen Pen dauert mehrere Monate. Neue Produktionsanlagen benötigen drei bis fünf Jahre von der Planung bis zur regulatorischen Freigabe. Novo Nordisk hat seit 2022 über 10 Milliarden US-Dollar in den Ausbau der Produktionskapazitäten investiert — die neuen Anlagen in Kalundborg (Dänemark) und in den USA werden die Kapazität ab 2025 schrittweise erhöhen, aber die vollständige Beseitigung der Engpässe erfordert weitere Jahre.
Für den Schweizer Markt kommen spezifische Faktoren hinzu: Die Schweiz ist ein vergleichsweise kleiner Markt, und bei weltweiten Engpässen priorisieren Hersteller grössere Märkte (USA, EU). Die Verpackungen und Beipackzettel müssen für den Schweizer Markt in drei Sprachen (Deutsch, Französisch, Italienisch) gedruckt werden — ein zusätzlicher Produktionsschritt, der bei Kapazitätsengpässen verzögert wird. Das Bundesamt für wirtschaftliche Landesversorgung (BWL) führt Ozempic seit 2023 auf der Liste der versorgungskritischen Medikamente.
Welche Dosierungen und Präparate sind aktuell betroffen?
Die Liefersituation für GLP-1-Medikamente in der Schweiz verändert sich monatlich. Die verlässlichste Auskunft über die aktuelle Verfügbarkeit gibt die Apotheke vor Ort, die den Lagerbestand ihres Grosshändlers in Echtzeit einsehen kann. Swissmedic veröffentlicht zudem auf seiner Website eine regelmässig aktualisierte Liste von Medikamenten mit Lieferengpässen.
Historisch waren vor allem die niedrigen Aufdosierungsstufen von Ozempic (0,25 mg und 0,5 mg) sowie die Erhaltungsdosis von 1 mg von Engpässen betroffen. Die Aufdosierungsphase ist besonders problematisch: Betroffene, die gerade mit der Therapie beginnen, benötigen die niedrigen Dosierungen in der vorgeschriebenen Reihenfolge — ein Engpass bei 0,5 mg verzögert die gesamte Aufdosierung um Wochen. Die 2-mg-Dosierung (die höchste Ozempic-Dosis) war seltener betroffen, da sie weniger verschrieben wird.
Wegovy war in der Schweiz nach der Zulassung zunächst gar nicht lieferbar und ist seit der schrittweisen Markteinführung ebenfalls von intermittierenden Engpässen betroffen. Die gleichzeitige Nichtverfügbarkeit von Ozempic und Wegovy ist für Betroffene besonders belastend, weil beide Präparate denselben Wirkstoff (Semaglutid) enthalten und bei Ausfall des einen nicht auf das andere ausgewichen werden kann.
Was können Betroffene bei einem Engpass tun?
Die erste Anlaufstelle bei einem Lieferengpass ist die behandelnde Ärztin oder der Apotheker — nicht das Internet und nicht der Graumarkt. Es gibt mehrere ärztlich begleitete Strategien, um die Therapie bei vorübergehender Nichtverfügbarkeit fortzuführen.
Der Wechsel von Ozempic auf Mounjaro erfordert eine Neuaufdosierung, da die Wirkstoffe unterschiedlich sind (Semaglutid versus Tirzepatid). Die Ärztin legt die Startdosis und das Aufdosierungsschema individuell fest. Bei Betroffenen, die Ozempic zur Gewichtsreduktion (off-label) verwenden, kommt als Alternative Wegovy infrage, sofern es verfügbar ist — der Wechsel innerhalb des gleichen Wirkstoffs (Semaglutid) erfordert keine Neuaufdosierung, sondern nur eine Dosisanpassung.
Eine vollständige Therapiepause über mehrere Wochen ist medizinisch handhabbar, aber nicht wünschenswert: Bei Betroffenen mit Diabetes verschlechtert sich die Blutzuckerkontrolle, und bei Betroffenen in der Gewichtsreduktion setzt der Gewichtsrückgang ein. Die Ärztin kann für die Dauer des Engpasses alternative Diabetesmedikamente (SGLT2-Hemmer, DPP-4-Hemmer) verschreiben, die den Blutzucker kontrollieren, auch wenn sie nicht die gleiche Gewichtswirkung haben.
Wie kann man sich auf Engpässe vorbereiten?
Eine vorausschauende Planung kann die Auswirkungen von Lieferengpässen reduzieren — nicht verhindern, aber abmildern. Betroffene, die auf eine kontinuierliche GLP-1-Therapie angewiesen sind, sollten einige Vorsichtsmassnahmen kennen.
Das Rezept rechtzeitig einlösen ist die einfachste Massnahme: Nicht bis zum letzten Pen warten, sondern das Folgerezept zwei Wochen vor dem voraussichtlichen Verbrauch des aktuellen Vorrats in der Apotheke einreichen. Die Apotheke kann das Medikament reservieren oder vorbestellen, sofern es beim Grosshändler verfügbar ist. Ein Vorrat von einem zusätzlichen Pen (eine Woche Therapievorsprung) gibt einen Puffer bei kurzfristigen Lieferverzögerungen.
Die Kommunikation mit der Ärztin proaktiv gestalten: Wenn die Apotheke einen Engpass meldet, die Ärztin sofort informieren — nicht erst, wenn der letzte Pen aufgebraucht ist. Die Ärztin kann frühzeitig eine Alternativstrategie planen (Dosisanpassung, Präparatwechsel, Überbrückungsmedikation) und ein entsprechendes Rezept ausstellen, bevor die Therapie unterbrochen wird.
Die Apothekenwahl bewusst treffen: Grössere Apotheken und Spitalapotheken haben in der Regel bessere Bezugsmöglichkeiten und grössere Lagerbestände als kleine Quartierapotheken. Einige Apotheken bieten einen Benachrichtigungsservice an, der Betroffene informiert, sobald ein nicht verfügbares Medikament wieder lieferbar ist.
Wie entwickelt sich die Versorgungslage in den kommenden Jahren?
Die Prognosen zur Versorgungslage sind vorsichtig optimistisch: Die massiven Investitionen von Novo Nordisk in neue Produktionsanlagen werden die Kapazitäten ab 2025 schrittweise erhöhen. Die neuen Fertigungslinien in Kalundborg (Dänemark), Chartres (Frankreich) und Clayton (USA) werden die jährliche Produktionsmenge von Semaglutid nach Herstellerangaben bis 2026 verdoppeln.
Gleichzeitig wird die Nachfrage weiter steigen: Die Zulassung neuer Indikationen (Herzinsuffizienz, Schlafapnoe, Lebererkrankungen), die wachsende Verschreibung bei Adipositas und die zunehmende Bekanntheit der Medikamente in der Bevölkerung treiben den Bedarf. Der Eintritt von Konkurrenzprodukten (Mounjaro/Zepbound von Eli Lilly, orale Semaglutid-Formulierungen, neue GLP-1-Wirkstoffe in der Pipeline) wird den Markt diversifizieren und die Abhängigkeit von einem einzigen Hersteller und Wirkstoff reduzieren.
Für den Schweizer Markt wird die Situation sich mit der breiteren Verfügbarkeit von Mounjaro zur Gewichtsreduktion (nach der erwarteten Zulassung von Zepbound) entspannen, da die Gesamtnachfrage sich auf mehrere Produkte verteilt. Die orale Semaglutid-Formulierung (Rybelsus) bietet für Betroffene mit Diabetes bereits jetzt eine Alternative, die von Lieferengpässen bei den injizierbaren Präparaten weniger betroffen ist — allerdings ist Rybelsus zur Gewichtsreduktion in der Schweiz nicht zugelassen und erreicht geringere Gewichtsverluste als die injizierbare Form.
