Pemvidutid und Mazdutide: neue GLP-1 Wirkstoffe in der Pipeline

Die nächste Generation der Adipositastherapie nimmt Gestalt an. Während Semaglutid und Tirzepatid den Markt dominieren, arbeiten Dutzende Pharmaunternehmen an Wirkstoffen, die deren Gewichtsreduktionspotenzial übertreffen sollen. Pemvidutid und Mazdutide gehören zu den vielversprechendsten Kandidaten dieser neuen Welle — beide mit innovativen Wirkprinzipien, beide in aktiven klinischen Studien, beide mit realistischen Chancen auf eine Zulassung bis 2027 oder 2028. Dieser Überblick zeigt, was die GLP-1-Pipeline in den kommenden Jahren bereithält.

Pemvidutid ALT-801: tripler Agonist mit Muskelsignal

Pemvidutid, entwickelt von Altimmune unter dem Entwicklungscode ALT-801, ist kein gewöhnlicher GLP-1-Agonist. Der Wirkstoff kombiniert GLP-1- und Glucagonrezeptor-Aktivierung — ein dualer Mechanismus, der gezielt den Energieverbrauch steigert und gleichzeitig die Kalorienaufnahme reduziert. Was Pemvidutid von vergleichbaren Kandidaten unterscheidet: Die Glucagonkomponente fördert die Fettverbrennung in der Leber und unterstützt den Erhalt von Muskelmasse, was bei reinen GLP-1-Agonisten weniger ausgeprägt ist.

In der Phase-2-Studie MOMENTUM, deren Ergebnisse 2023 veröffentlicht wurden, verloren Teilnehmer über 24 Wochen im Median 14,5 % ihres Körpergewichts bei der höchsten getesteten Dosis (2,4 mg wöchentlich). Besonders auffällig war die Zusammensetzung des Gewichtsverlusts: Der Anteil an Fettmasse reduzierte sich deutlich stärker als der Anteil an Muskelmasse — ein Befund, der in der Adipositasforschung als qualitativ wertvoller gilt als reiner Gewichtsverlust.

Pemvidutid und die Rolle der Muskelmasse bei Adipositas

Ein häufig unterschätztes Problem bei aggressiver Gewichtsreduktion ist der Verlust von Skelettmuskelmasse — Fachleute bezeichnen dies als sarkopene Adipositas oder den sogenannten Jojo-Effekt auf Muskeleben. Medikamente, die primär über Appetitkontrolle wirken, können dazu beitragen, dass Patienten nicht nur Fett, sondern auch funktionell wichtiges Muskelgewebe verlieren.

Pemvidutids Glucagonkomponente aktiviert hepatische Signalwege, die den Fettstoffwechsel ankurbeln, ohne die anabolen Signale in der Skelettmuskulatur zu hemmen. Ob dieser Mechanismus in längeren Phase-3-Studien bestätigt werden kann, wird sich zeigen. Altimmune hat Anfang 2024 die Pläne für eine Phase-3-Studie konkretisiert — erste Ergebnisse sind frühestens 2026 zu erwarten.

Mazdutide von Innovent Biologics: Daten aus China mit globaler Relevanz

Mazdutide, entwickelt vom chinesischen Biotechunternehmen Innovent Biologics in Zusammenarbeit mit Eli Lilly, verfolgt ebenfalls einen dualen Ansatz — GLP-1 kombiniert mit Glucagonrezeptor-Aktivierung. Damit ähnelt die Wirkstrategie der von Pemvidutid, obwohl die molekulare Struktur und die Dosierungsprofile sich unterscheiden.

Die klinischen Daten aus China sind bemerkenswert: In einer Phase-3-Studie mit über 600 Teilnehmern über 48 Wochen erreichten Patienten mit Mazdutide einen mittleren Gewichtsverlust von rund 15–18 % — abhängig von Dosis und Begleittherapie. Innovent Biologics hat 2024 einen Zulassungsantrag bei der chinesischen Arzneimittelbehörde NMPA eingereicht. Eine globale Entwicklung, einschließlich Studien in Europa und den USA, wird aktiv diskutiert, ist aber noch nicht offiziell angekündigt.

Internationale Zulassung: Mazdutide auf dem Weg nach Europa?

Die Frage, ob Mazdutide außerhalb Chinas zugelassen wird, hängt von mehreren Faktoren ab. Regulatorische Behörden wie EMA und FDA verlangen in der Regel eigene Studienpopulationen aus westlichen Ländern — Daten aus chinesischen Phase-3-Studien allein reichen typischerweise nicht für eine Zulassung in Europa aus.

Innovents Partnerschaft mit Eli Lilly, das über umfangreiche globale Entwicklungskapazitäten verfügt, könnte hier entscheidend sein. Lilly hat bereits gezeigt, dass es asiatische Moleküle durch internationale Studienprogramme zum Zulassungserfolg führen kann. Ein realistisches Szenario: Brücken-Studien in Europa ab 2025 oder 2026, mögliche EMA-Zulassung frühestens 2028. Für Patienten in der Schweiz und Deutschland bleibt Mazdutide damit vorerst noch kein kurzfristiger Therapiekandidat.

Ecnoglutide und weitere Kandidaten in der GLP-1-Pipeline

Neben Pemvidutid und Mazdutide drängen weitere Wirkstoffe in die klinische Entwicklung. Ecnoglutide, entwickelt von Sciwind Biosciences, ist ein wöchentlich injizierter GLP-1-Rezeptoragonist, der in frühen Phase-2-Daten Gewichtsreduktionen von 12–14 % über 24 Wochen zeigte. Die Substanz unterscheidet sich strukturell von Semaglutid, was möglicherweise ein günstigeres Nebenwirkungsprofil bei vergleichbarer Wirksamkeit bedeuten könnte — ein Vorteil für Patienten, die Semaglutid wegen gastrointestinaler Beschwerden absetzen mussten.

Weitere Kandidaten, die in der Fachliteratur und auf Kongressen wie der European Association for the Study of Obesity (EASO) zunehmend diskutiert werden:

  • Survodutide (Boehringer Ingelheim / Zealand Pharma): GLP-1/Glucagon-Agonist mit vielversprechenden Phase-2-Daten zur Fettlebererkrankung und Gewichtsreduktion
  • Retatrutide (Eli Lilly): Triple-Agonist für GLP-1, GIP und Glucagon — Phase-2-Daten zeigten bis zu 24 % Gewichtsverlust über 48 Wochen, Phase 3 läuft
  • CagriSema (Novo Nordisk): Kombination aus Cagrilintid (Amylin-Analogon) und Semaglutid, mit Phase-3-Daten von über 22 % Gewichtsreduktion
  • Pemofidase und weitere frühe Pipeline-Kandidaten aus präklinischen Phasen
  • Diese Bandbreite zeigt: Der Markt für neue Adipositas-Medikamente 2027 und darüber hinaus wird sich fundamental verändern. Die Frage ist nicht mehr ob, sondern welche dieser Substanzen die Zulassung erreichen und welche Patientengruppen am stärksten profitieren werden.

    Die dualen Agonisten haben dabei einen strukturellen Vorteil gegenüber reinen GLP-1-Agonisten: Sie greifen in mehrere Stoffwechselwege gleichzeitig ein, was bei Patienten mit begleitender Fettlebererkrankung, metabolischem Syndrom oder Insulinresistenz besonders relevant ist. Kliniker erwarten, dass zukünftige Leitlinien zunehmend auf die individuelle metabolische Konstellation des Patienten eingehen werden — ein Wirkstoff für alle Patienten wird es nicht geben.

    Duale Agonisten Zukunft: Was bedeuten diese Entwicklungen für die Praxis?

    Die parallele Entwicklung von GLP-1-Kombinationspräparaten wirft eine praktische Frage auf: Wie werden Ärzte in einigen Jahren entscheiden, welcher Wirkstoff für welchen Patienten geeignet ist? Die Antwort liegt wahrscheinlich in einer differenzierteren Indikationsstellung als heute.

    Ein Patient mit schwerer Adipositas und begleitender Fettlebererkrankung (MASLD, früher NASH) könnte von einem GLP-1/Glucagon-Agonisten wie Pemvidutid oder Mazdutide stärker profitieren als von einem reinen GLP-1-Agonisten — weil der Glucagonanteil hepatische Lipide reduziert. Ein Patient mit Adipositas und Typ-2-Diabetes könnte von einem GLP-1/GIP-Agonisten wie Tirzepatid besser bedient sein, weil GIP die Insulinsekretion unterstützt. Und ein Patient, bei dem Appetitkontrolle das primäre Ziel ist, könnte mit einem optimierten reinen GLP-1-Agonisten wie Orforglipron — einem oralen, täglich eingenommenen Wirkstoff ohne Peptidstruktur — gut versorgt sein.

    Was die klinische Realität erschwert: Direkte Head-to-Head-Studien zwischen den verschiedenen Kandidaten fehlen fast vollständig. Pharmaunternehmen testen ihre Substanzen typischerweise gegen Placebo, nicht gegeneinander. Das bedeutet, dass Ärzte und Patienten für viele Jahre auf indirekte Vergleiche und klinische Erfahrungswerte angewiesen sein werden.

    Hinzu kommt die Frage der Verträglichkeit. Gastrointestinale Beschwerden — Übelkeit, Erbrechen, verzögerte Magenentleerung — sind bei GLP-1-Agonisten gut dokumentiert. Die Frage, ob duale Agonisten durch ihren stärkeren Glucagonanteil diese Nebenwirkungen verstärken oder abschwächen, lässt sich aus den verfügbaren Daten noch nicht eindeutig beantworten. In Phase-2-Studien von Pemvidutid waren gastrointestinale Nebenwirkungen in der Häufigkeit vergleichbar mit Semaglutid — aber Phase-3-Daten mit größeren Populationen und längerer Beobachtungszeit werden belastbarere Erkenntnisse liefern.

    Für die Praxis in der Schweiz und Deutschland bedeutet das konkret: Pemvidutid und Mazdutide sind frühestens 2027–2028 als zugelassene Therapieoptionen realistisch. Patienten, die heute eine medikamentöse Adipositastherapie beginnen oder fortsetzen wollen, sollten das mit bestehenden, bereits zugelassenen Optionen tun — und die Pipeline-Entwicklungen als Orientierung für die mittelfristige Zukunft betrachten, nicht als unmittelbare Entscheidungsgrundlage.

    Pemvidutid und Mazdutide im Vergleich: Was unterscheidet sie?

    Obwohl beide Wirkstoffe GLP-1 und Glucagon kombinieren, gibt es relevante Unterschiede, die ihre klinische Positionierung beeinflussen werden:

    Merkmal Pemvidutid (ALT-801) Mazdutide (Innovent)
    Entwickler Altimmune (USA) Innovent / Eli Lilly
    Mechanismus GLP-1 + Glucagon GLP-1 + Glucagon
    Applikation Wöchentliche Injektion Wöchentliche Injektion
    Phase-2-Gewichtsverlust ~14,5 % (24 Wochen) ~15–18 % (48 Wochen)
    Aktueller Entwicklungsstand Phase 3 geplant (2024) Phase 3 abgeschlossen (CN)
    Europäische Zulassung Frühestens 2027–2028 Frühestens 2028–2029
    Besonderheit Fokus auf Muskelerhalt Starke Leberdaten (MASLD)

    Beide Substanzen zeigen ein ähnliches Wirkprinzip, unterscheiden sich aber in der Geschwindigkeit der globalen Entwicklung. Pemvidutid hat den Vorteil, von einem US-amerikanischen Unternehmen entwickelt zu werden, was den Zugang zu westlichen Studienpopulationen erleichtert. Mazdutide profitiert von den bereits abgeschlossenen Phase-3-Daten — hat aber die Hürde der Internationalisierung noch vor sich.

    Die nächsten 24 Monate werden entscheidend sein: Wenn Pemvidutids Phase-3-Studie mit ähnlichen Ergebnissen wie die Phase-2 abschließt und Innovent eine globale Entwicklungsstrategie für Mazdutide ankündigt, rückt eine tatsächliche Therapieoption für europäische Patienten in greifbare Nähe. Die GLP-1-Pipeline ist breiter und vielfältiger als je zuvor — und das ist, angesichts der globalen Adipositasepidemie mit über 650 Millionen Betroffenen weltweit (WHO 2024), eine Entwicklung, die weit über den Pharmasektor hinaus Bedeutung hat.