Schilddrüsenkrebs und GLP-1-Agonisten: Entwarnung oder Vorsicht?

Die Warnung vor Schilddrüsentumoren steht in jeder Fachinformation von GLP-1-Medikamenten — prominent und unmissverständlich. Betroffene, die Wegovy, Ozempic oder Mounjaro einnehmen oder eine Therapie erwägen, stossen auf den Hinweis und fragen sich: Verursacht die Abnehmspritze Schilddrüsenkrebs? Die Antwort erfordert eine differenzierte Betrachtung: Die Warnung basiert auf Tierstudien bei Ratten, die hohe Dosen von GLP-1-Agonisten erhielten. In humanen Studien mit Zehntausenden von Betroffenen über mehrere Jahre wurde kein erhöhtes Risiko beobachtet. Dennoch bleibt die Kontraindikation für bestimmte Risikogruppen bestehen — aus gutem Grund.

Was zeigten die Tierstudien zu GLP-1-Agonisten und Schilddrüsentumoren?

In den präklinischen Studien zu Liraglutid (dem Wirkstoff in Saxenda), Semaglutid (Wegovy, Ozempic) und Tirzepatid (Mounjaro) entwickelten Ratten unter hohen Dosen von GLP-1-Agonisten über einen Zeitraum von zwei Jahren vermehrt Tumoren der Schilddrüse — insbesondere medulläre Schilddrüsenkarzinome (MTC) und C-Zell-Hyperplasien. Die verwendeten Dosen lagen vielfach über den humanen therapeutischen Dosen, und die Exposition dauerte über die gesamte Lebensspanne der Ratten.

Der Mechanismus ist speziesspezifisch: Ratten haben eine hohe Dichte an GLP-1-Rezeptoren auf den parafollikulären C-Zellen der Schilddrüse. Die chronische Stimulation dieser Rezeptoren durch GLP-1-Agonisten führt bei Ratten zu einer Proliferation der C-Zellen, die über Hyperplasie zu Adenomen und Karzinomen fortschreiten kann. Affen — phylogenetisch näher am Menschen — zeigten in den gleichen Studien keine erhöhte Rate an Schilddrüsentumoren, selbst bei hohen Dosen und langer Exposition.

Die Übertragbarkeit auf den Menschen ist aus mehreren Gründen fraglich: Humane Schilddrüsen-C-Zellen exprimieren deutlich weniger GLP-1-Rezeptoren als Ratten-C-Zellen. In vitro-Studien an humanen Schilddrüsenzelllinien zeigten keine Proliferationsantwort auf GLP-1-Stimulation. Und das medulläre Schilddrüsenkarzinom ist beim Menschen extrem selten (etwa 1 bis 2 Fälle pro 1 Million Personen pro Jahr) und wird in über 90 Prozent der Fälle durch genetische Mutationen (RET-Protoonkogen) verursacht, nicht durch externe Stimuli.

Was sagen die humanen Studiendaten?

Die klinischen Studien zu GLP-1-Agonisten umfassen mittlerweile Daten von über 100’000 Betroffenen mit Beobachtungszeiträumen von bis zu 39 Monaten (SELECT-Studie). In keiner dieser Studien wurde ein statistisch signifikantes erhöhtes Risiko für medulläres Schilddrüsenkarzinom unter GLP-1-Therapie beobachtet.

Die grössten Pharmakovigilanz-Datenbanken (FAERS in den USA, EudraVigilance in der EU) zeigen ebenfalls kein eindeutiges Signal: Zwar wurden Fälle von MTC unter GLP-1-Therapie gemeldet, aber die Melderate liegt nicht über der erwarteten Hintergrundrate in der Allgemeinbevölkerung. Eine populationsbasierte Kohortenstudie aus Skandinavien (2023) untersuchte über 145’000 Betroffene unter GLP-1-Therapie und fand kein erhöhtes Risiko für Schilddrüsenkrebs insgesamt — weder für medulläre noch für andere Schilddrüsenkarzinome.

Die Einschränkung dieser Daten: MTC ist extrem selten und entwickelt sich langsam. Selbst in grossen Studien über drei Jahre könnte ein erhöhtes Risiko unter der Nachweisgrenze liegen. Ein definitiver Ausschluss eines Risikos erfordert Beobachtungszeiträume von zehn Jahren und mehr — Daten, die erst in den kommenden Jahren verfügbar sein werden. Registerstudien in mehreren Ländern laufen und werden die Langzeitdaten liefern.

Für wen gelten die Kontraindikationen — und warum?

Die Kontraindikation für GLP-1-Agonisten betrifft zwei klar definierte Gruppen: Betroffene mit persönlicher Vorgeschichte eines medullären Schilddrüsenkarzinoms und Betroffene mit familiärer Vorgeschichte von MTC oder multipler endokriner Neoplasie Typ 2 (MEN 2).

MEN 2 ist ein seltenes erbliches Syndrom, das durch Mutationen im RET-Protoonkogen verursacht wird und bei 90 bis 100 Prozent der Betroffenen zu einem medullären Schilddrüsenkarzinom führt. Bei diesen Betroffenen sind die C-Zellen der Schilddrüse bereits genetisch prädisponiert für unkontrolliertes Wachstum — eine zusätzliche Stimulation durch GLP-1-Agonisten könnte theoretisch diesen Prozess beschleunigen. Die Kontraindikation ist ein Vorsorgeprinzip: Es gibt keine Daten, die zeigen, dass GLP-1-Agonisten bei MEN-2-Betroffenen tatsächlich MTC auslösen oder beschleunigen, aber das Risiko ist nicht ausgeschlossen, und die Konsequenz (ein potenziell letales Karzinom) zu schwerwiegend, um es einzugehen.

Für alle anderen Betroffenen — also die überwiegende Mehrheit — gilt die Kontraindikation nicht. Betroffene mit papillärem oder follikulärem Schilddrüsenkarzinom in der Vorgeschichte (den häufigsten Formen, die nichts mit C-Zellen zu tun haben) können GLP-1-Agonisten einnehmen. Betroffene mit Schilddrüsenknoten, Hashimoto-Thyreoiditis oder Schilddrüsenunterfunktion sind ebenfalls keine Risikogruppe für MTC und können die Therapie ohne zusätzliche Bedenken beginnen.

Welches Screening wird vor und während der GLP-1-Therapie empfohlen?

Die europäischen und Schweizer Leitlinien empfehlen kein routinemässiges Schilddrüsen-Screening (Ultraschall, Calcitonin-Bestimmung) vor oder während einer GLP-1-Therapie. Die Begründung: Das MTC-Risiko unter GLP-1-Therapie ist bei humanen Daten nicht erhöht, und ein Routine-Screening würde zu Zufallsbefunden (inzidentelle Schilddrüsenknoten, die bei 30 bis 50 Prozent der Bevölkerung vorkommen) führen, die unnötige Biopsien und Verunsicherung nach sich ziehen.

Die empfohlene Massnahme beschränkt sich auf die Aufklärung: Betroffene sollten über die Symptome eines Schilddrüsenkarzinoms informiert werden und diese bei Auftreten ärztlich abklären lassen.

Warnsymptome, die eine Abklärung erfordern:

  • Ein tastbarer, schmerzloser Knoten am Hals, der über Wochen wächst oder grösser als 1 Zentimeter ist
  • Anhaltende Heiserkeit ohne erkennbare Ursache (Erkältung, Stimmbelastung), die länger als drei Wochen dauert
  • Schluckbeschwerden oder ein Druckgefühl im Halsbereich, das sich über Wochen nicht bessert
  • Diese Symptome können auf ein Schilddrüsenkarzinom hinweisen, haben aber in den meisten Fällen harmlose Ursachen (benigne Knoten, Reflux, Stimmbandreizung). Eine Schilddrüsensonografie und gegebenenfalls eine Feinnadelbiopsie klären die Ursache zuverlässig.

    Die Calcitonin-Bestimmung im Blut wird als Screening für MTC diskutiert, ist aber in den europäischen Leitlinien nicht routinemässig empfohlen — weder für die Allgemeinbevölkerung noch für GLP-1-Betroffene. Ein erhöhter Calcitonin-Wert kann auf ein MTC hinweisen, hat aber auch andere Ursachen (chronische Niereninsuffizienz, Protonenpumpeninhibitoren, Rauchen). Bei Betroffenen mit familiärer MTC-Vorgeschichte wird die genetische Testung auf RET-Mutationen empfohlen — nicht die GLP-1-Therapie, sondern die genetische Beratung steht hier im Vordergrund.

    Wie bewerten die Fachgesellschaften das Gesamtrisiko?

    Die Einschätzung der Fachgesellschaften ist konsistent: Das Schilddrüsenkarzinom-Risiko unter GLP-1-Agonisten wird bei humanen Daten als nicht erhöht bewertet, die Kontraindikation für MEN-2-Betroffene bleibt als Vorsichtsmassnahme bestehen, und ein routinemässiges Schilddrüsen-Screening ist nicht gerechtfertigt.

    Die Europäische Arzneimittelagentur (EMA) hat in ihrer letzten Bewertung des Sicherheitsprofils von Semaglutid (2024) festgestellt, dass die verfügbaren humanen Daten kein erhöhtes MTC-Risiko zeigen und die bestehende Kontraindikation ausreicht, um die identifizierte Risikogruppe zu schützen. Die FDA (US-amerikanische Arzneimittelbehörde) hat eine ähnliche Position eingenommen und die ursprüngliche Boxed Warning für Schilddrüsentumoren bei Liraglutid und Semaglutid beibehalten — nicht weil neue Risikosignale aufgetaucht sind, sondern weil die langfristigen Daten über Jahrzehnte noch ausstehen.

    Die Schweizerische Gesellschaft für Endokrinologie und Diabetologie (SGED) empfiehlt Ärztinnen, vor Beginn einer GLP-1-Therapie gezielt nach einer familiären Vorgeschichte von medullärem Schilddrüsenkarzinom oder MEN 2 zu fragen und die Therapie bei positiver Anamnese nicht zu beginnen. Bei negativer Familienanamnese besteht kein Anlass für zusätzliche Schilddrüsendiagnostik — die Standardaufklärung über Symptome reicht aus.

    Für Betroffene, die sich trotz der beruhigenden Datenlage Sorgen machen, bietet eine einmalige Schilddrüsensonografie vor Therapiebeginn eine zusätzliche Beruhigung — auch wenn die Leitlinien sie nicht routinemässig empfehlen. Die Sonografie ist risikolos, kostengünstig und kann vorbestehende Knoten dokumentieren, die im Verlauf der Therapie als Referenz dienen. Auffällige Befunde (Knoten über 1 Zentimeter, schnell wachsende Knoten) sollten vor Therapiebeginn abgeklärt werden — nicht wegen des GLP-1-Risikos, sondern weil sie generell eine diagnostische Aufarbeitung erfordern.