Die Schweiz gilt als eines der gesündesten Länder Europas — und trotzdem ist fast jeder zweite Erwachsene übergewichtig oder adipös. Die Schweizerische Gesundheitsbefragung (SGB) des Bundesamts für Statistik zeigt seit Jahrzehnten einen Aufwärtstrend: 1992 lag der Anteil der Übergewichtigen und Adipösen bei 30 Prozent, 2022 bei 43 Prozent. Die Zahlen steigen, und die Ursachen sind komplexer als „zu viel essen, zu wenig bewegen". Wie steht die Schweiz im europäischen Vergleich da, und welche Faktoren treiben die Entwicklung?
Übergewicht Statistik Schweiz — die aktuellen Zahlen
Die aktuellsten Daten stammen aus der Schweizerischen Gesundheitsbefragung 2022. Demnach sind 31 Prozent der Schweizer Erwachsenen (ab 15 Jahren) übergewichtig (BMI 25–29,9) und 12 Prozent adipös (BMI ab 30). Zusammen ergibt das 43 Prozent der Bevölkerung mit einem BMI über dem Normalbereich. Diese Zahlen basieren auf Selbstangaben zu Gewicht und Grösse — die tatsächliche Prävalenz liegt erfahrungsgemäss 3 bis 5 Prozentpunkte höher, da Befragte ihr Gewicht tendenziell unter- und ihre Grösse überschätzen.
Die Geschlechterverteilung zeigt ein deutliches Muster: 39 Prozent der Männer und 23 Prozent der Frauen sind übergewichtig (ohne Adipositas). Bei Adipositas ist der Unterschied geringer — 13 Prozent der Männer und 11 Prozent der Frauen. Insgesamt tragen 52 Prozent der Schweizer Männer und 34 Prozent der Schweizer Frauen einen BMI über 25. Die Altersverteilung verstärkt das Bild: In der Altersgruppe 55–64 Jahre liegt der Anteil der Übergewichtigen und Adipösen bei über 55 Prozent, bei den 15- bis 24-Jährigen bei unter 25 Prozent.
Regionale Unterschiede bestehen, sind aber weniger ausgeprägt als erwartet. Die Deutschschweiz und die Romandie liegen bei der Adipositasprävalenz nahe beieinander (11–13 Prozent), das Tessin etwas darunter. Stärkere Unterschiede zeigen sich beim Bildungsgrad: Personen ohne nachobligatorische Ausbildung haben eine doppelt so hohe Adipositasrate wie Hochschulabsolventinnen und -absolventen — ein Zusammenhang, der sich durch Einkommen, Zugang zu gesunder Ernährung und Gesundheitswissen erklären lässt.
Wie steht die Schweiz im europäischen Vergleich da?
Im EU-Vergleich schneidet die Schweiz relativ gut ab — aber das ist ein schwacher Trost. Die Schweizer Adipositasrate von 12 Prozent liegt unter dem EU-Durchschnitt von 17 Prozent und deutlich unter den Werten von Grossbritannien (28 Prozent), Ungarn (26 Prozent) oder der Türkei (32 Prozent). Nur wenige europäische Länder — darunter Italien, Frankreich und die Niederlande — haben ähnlich niedrige oder niedrigere Raten.
Allerdings ist der Trend besorgniserregend: Während sich die Adipositasrate in einigen europäischen Ländern stabilisiert hat, steigt sie in der Schweiz weiter an. Zwischen 2012 und 2022 nahm der Anteil der Adipösen in der Schweiz um 2 Prozentpunkte zu — von 10 auf 12 Prozent. Diese Steigerungsrate ist vergleichbar mit der in den USA vor 30 Jahren, was die Frage aufwirft, ob die Schweiz mit Verzögerung denselben Weg einschlägt.
Der BMI-Durchschnitt in der Schweiz liegt bei etwa 25,0 — exakt an der Grenze zwischen Normalgewicht und Übergewicht. Das bedeutet, dass die Hälfte der Bevölkerung über diesem Wert liegt. Im Vergleich: In den USA beträgt der durchschnittliche BMI 29,0, in Japan 22,5. Die Schweiz befindet sich damit in einem mittleren Bereich, aber der Trend zeigt nach oben. Besonders auffällig: Bei Kindern und Jugendlichen liegt die Schweiz im europäischen Vergleich noch günstig, doch die Prävalenz kindlichen Übergewichts steigt auch hierzulande — und Übergewicht im Kindesalter ist der stärkste Prädiktor für Adipositas im Erwachsenenalter.
Welche Ursachen treiben Übergewicht in der Schweiz?
Die steigende Übergewichtsrate in einem der wohlhabendsten und gesundheitsbewusstesten Länder Europas lässt sich nicht auf einen einzelnen Faktor zurückführen. Drei Ursachenkomplexe wirken zusammen:
Ein oft unterschätzter Faktor ist die sozioökonomische Ungleichheit: In der Schweiz kostet eine gesunde Ernährung (frisches Gemüse, Fisch, Vollkornprodukte) pro Kalorie deutlich mehr als eine kalorienreiche, nährstoffarme Ernährung (Weissbrot, Tiefkühlpizza, Süssgetränke). Für Haushalte mit tiefem Einkommen ist die günstigere, aber kalorienreichere Option die wirtschaftlich rationale Wahl — ein strukturelles Problem, das individuelle Ernährungsberatung allein nicht lösen kann.
Fettleibigkeit Schweiz — welche gesundheitlichen Kosten entstehen?
Die volkswirtschaftlichen Kosten von Übergewicht und Adipositas in der Schweiz werden auf 8 bis 10 Milliarden Franken pro Jahr geschätzt — eine Zahl, die direkte Gesundheitskosten (Arztbesuche, Medikamente, Operationen), indirekte Kosten (Arbeitsausfälle, Frühverrentung) und intangible Kosten (Lebensqualitätsverlust) umfasst.
Die direkten Gesundheitskosten steigen mit dem BMI exponentiell: Eine Person mit BMI 30 verursacht im Durchschnitt 30 Prozent höhere Gesundheitskosten als eine normalgewichtige Person, bei BMI 40 sind es 80 bis 100 Prozent mehr. Die häufigsten kostenintensiven Folgeerkrankungen sind Diabetes Typ 2 (geschätzte 10 000 CHF pro Patient und Jahr für Medikamente und Monitoring), kardiovaskuläre Erkrankungen (Hospitalisierungskosten bei Herzinfarkt: 20 000 bis 40 000 CHF) und Gelenkersatzoperationen (Knie, Hüfte: 25 000 bis 35 000 CHF).
Die Grundversicherung trägt den grössten Teil dieser Kosten, was bedeutet, dass alle Versicherten — unabhängig vom eigenen Gewicht — über ihre Prämien für die Folgen von Adipositas mitbezahlen. Dieses Argument wird in der politischen Debatte zur Prävention und zur Kostenübernahme von Adipositas-Medikamenten zunehmend herangezogen: Die monatlichen Kosten von 250 bis 320 CHF für Wegovy stehen in keinem Verhältnis zu den langfristigen Kosten unbehandelter Adipositas.
Prävention und Behandlung — was unternimmt die Schweiz?
Die Schweizer Adipositasprävention ruht auf mehreren Säulen, wobei die Umsetzung kantonal unterschiedlich ist. Das BAG fördert über die nationale Strategie „Prävention nichtübertragbarer Krankheiten" Programme zur Bewegungsförderung und gesunden Ernährung, insbesondere für Kinder und Jugendliche. Kantone wie Zürich und Bern haben eigene Aktionsprogramme für gesundes Körpergewicht, die Schulen und Gemeinden einbeziehen.
Auf der Behandlungsseite hat sich die Lage seit der Zulassung von Wegovy (Semaglutid 2,4 mg) 2022 verändert. Erstmals steht in der Schweiz ein Adipositas-Medikament zur Verfügung, das einen Gewichtsverlust von über 10 Prozent ermöglicht und gleichzeitig kardiovaskuläre Risiken senkt. Die Kostenübernahme durch die Grundversicherung ist an Limitatio-Bedingungen geknüpft (BMI ab 30 oder ab 27 mit Begleiterkrankung), was den Zugang für einen Teil der Betroffenen einschränkt.
Die bariatrische Chirurgie bleibt für schwere Adipositas (BMI ab 35) die wirksamste Einzelmassnahme mit dauerhaften Gewichtsverlusten von 25 bis 35 Prozent. In der Schweiz werden jährlich rund 5000 bariatrische Eingriffe durchgeführt — eine Zahl, die angesichts der geschätzten 300 000 potenziell operablen Personen mit BMI über 35 zeigt, dass die chirurgische Kapazität bei weitem nicht ausreicht. Die Kombination aus medikamentöser Vorbehandlung, chirurgischem Eingriff und langfristiger Nachsorge mit GLP-1-Agonisten könnte ein Modell für die Zukunft der Adipositasversorgung in der Schweiz sein.
